Mein Weg zum Nichtraucher

Ich rauche seit mehr als 20 Jahren. Gut 160.000 Zigaretten habe ich in dieser Zeit angezündet und dafür weit mehr als 30.000 Euro ausgegeben. Einen wirklichen Grund, damit aufzuhören sah ich trotzdem lange nicht. Ich rauchte gern, viel und meist mit Genuss. Doch nun soll damit Schluss sein. Jetzt. Einfach so. Denn ich mag nicht mehr zum Glimmstängel greifen. Wie es mir auf meinem Weg zum Nichtraucher ergeht, werde ich in den kommenden Wochen berichten.

Mein Weg in die Abhängigkeit

Gut 160.000 Zigaretten habe ich seit 1990 geraucht.
Gut 160.000 Zigaretten habe ich seit 1990 geraucht.

Meine erste Kippe zünde ich mir im Sommer 1990 an. Sie schmeckt widerlich. Schon der erste Zug löst bei mir einen Hustenanfall aus. Dazu kommen Schwindel und Übelkeit. Gute Gründe, so sollte man meinen, um dem blauen Dunst ein für allemal zu entsagen. Doch bei mir bleibt es nicht bei diesem ersten Versuch, meinen Körper an Zigaretten zu gewöhnen. Schließlich raucht mein ganzes Umfeld. Arbeitskollegen, Bekannte, Freunde, Familie – nahezu jeder konsumiert täglich Tabak.

Als ich Mitte der 90-er Jahre meine erste eigene Wohnung beziehe, ist es für mich völlig normal, auch innerhalb meiner eigenen vier Wände zu rauchen. Auch mein Mitbewohner ist nikotinabhängig. Und so qualmen wir munter darauf los. Es entwickeln sich immer mehr Situationen, in denen der Griff zur Zigarette normal wird: Nach dem Aufstehen, zum Kaffee, beim Fernsehen. In meinen späteren WGs ist es ähnlich. Es gibt Zeiten, in denen ich mit vier Rauchern zusammenlebe. Aber auch sonst sind Glimmstängel etwas Alltägliches. Wohin man nur schaut, sie gehören zum ganz normalen Straßenbild. Und das überall. Am Arbeitsplatz, in der Kneipe und in der Disco.

Alle Warnhinweise bleiben wirkungslos.
Alle Warnhinweise bleiben wirkungslos.

Alle Versuche des Staates, dies mit teureren Zigarettenpreisen oder Warnhinweisen auf den Verpackungen zu ändern, gehen an mir und den meisten anderen Süchtigen spurlos vorbei. Es ist meine Partnerin, die dafür sorgt, dass sich mein Verhalten langsam wandelt. Als wir zusammenziehen, verbannt sie mich zum Paffen auf den Balkon. Das reduziert den Konsum schon erheblich. Großen Einfluss hat auch das Rauchverbot in Discos, Clubs und Restaurants. Auch wenn einige Gastronomen in den ersten Monaten noch Wege finden, es zu umgehen, zeigen sich nach und nach erste Erfolge: In immer weniger Lokalen wird geraucht. Ich hingegen muss fortan für jede Kippe vor die Tür treten. Auch dies vermiest die Lust aufs Rauchen. Trotzdem dauert es noch Jahre, ehe ich beschließe, mir das Laster abzugewöhnen.

Der Termin bei der „Heilerin“

Der 23. August 2013 ist ein Freitag. Eigentlich ein ganz normaler Tag, an dem nichts weltbewegendes passiert. Für mich ist es jedoch ein besonderes Datum, denn heute ist mein letzter Tag als Raucher. Ganz ohne Hilfe mag ich diesen Schritt jedoch nicht gehen. Ich gebe zu, dass ich dabei auf die Hilfe einer „Heilerin“ setze. Sie verspricht, mich allein mit der Kraft ihrer Hände von meiner Sucht zu befreihen. Und das ohne große Entzugserscheinungen. Ob ich daran glaube? Nein. Aber der Termin bei ihr ist mein Stichtag, auf den ich mich seit Wochen eingestellt habe. Eine Zeit, in der ich mit Genuss und ganz bewusst weiterrauche.

Schließlich aber bin ich auf dem Weg zur Sprechstunde. Ich frage mich, wie leicht es sein wird, mit liebgewonnenen Gewohnheiten wie der Zigarette nach dem Essen zu brechen. An der Praxis angekommen, begrüßen mich gleich mehrere Menschen. Alle wollen ihre Sucht loswerden und suchen Hilfe. Noch aber stehen sie einem Pavillon vor der Praxis und rauchen. Auch ich stelle mich dazu. Es ist 10.27 Uhr, als ich mir ebenfalls eine Kippe anzünde. Ich genieße sie in vollen Zügen. Es soll meine letzte sein, sage ich mir.

Kurz darauf ruft mich die Sprechstundenhelferin zum Termin. Äußerst skeptisch betrete ich das Behandlungszimmer der „Heilerin“. „Keine Sorge“, begrüßt sie mich, „Es wirkt auch, wenn man nicht daran glaubt.“ Meinen Argwohn kann sie mir so nicht ausreden. Entscheidender sind da schon ihre folgenden Worte: „Man muss mit dem Rauchen aufhören wollen. Wer seine Sucht nur aufgeben will, weil er von seinem Umfeld dazu gedrängt wurde, wird keinen Erfolg haben.“ Und das ist es wohl, was mich so optimistisch stimmt, dass ich es schaffen werde. Denn ich habe zum allerersten mal in meinem Leben keine Lust mehr zu rauchen. Ich will aufhörten. Hier und jetzt.

Danach folgt die eigentliche Therapie. Die Heilerin massiert meine Stirn, meinen Nacken, meine Arme und abermals meine Stirn. Synchron atmen wir dabei tief ein und aus. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei. Nach der Behandlung gibt sie mir noch einige Hinweise: Ich solle mir viel Gemüse hinstellen und möglichst viel trinken. Von Nikotinpflastern und anderen Ersatzdrogen rät sie hingegen ab, ehe sie mich wieder in meinen Alltag entlässt.

Die ersten Tage als Nichtraucher

Tatsächlich fällt es mir erstaunlich leicht, nicht zu rauchen. Unruhe und Nervosität halten sich in Grenzen. Dass dies mit der Behandlung zusammenhängt, bezweifle ich aber immer noch. Ob ich es bereue, zu ihr gegangen zu sein? Nein, denn mir war es wichtig, den Weg aus meiner Abhängigkeit an einem Stichtag symbolisch zu beginnen. Die vielen anderen Raucher, die ich vor der Praxis traf, zeigten mir zudem, dass ich auf diesem Weg nicht allein bin. Und die Tipps der „Heilerin“ erweisen sich als sehr sinnvoll. Mein Obst- und Gemüsekonsum ist in den vergangenen Tagen stark angestiegen. Zudem trinke ich viel. Sehr viel sogar. Manchmal sind es bis zu drei Liter pro Tag, die ich zu mir nehme. Süßigkeiten versuche ich hingegen zu vermeiden.

Ich bin aber immer noch weit davon entfernt, von meiner Sucht geheilt zu sein. Viel zu häufig muss ich ans Rauchen denken. Allerdings hatte ich mir das viel schlimmer vorgestellt. Aus unerfindlichen Gründen ist es leicht, standhaft zu bleiben. Der Gedanke, mir eine Zigarette anzustecken, erscheint mir mit jedem Tag immer absurder. Inzwischen sind vier Tage vergangen, seit ich das letzte Mal geraucht habe. Auf den ersten Blick ist dies ein relativ überschaubarer Zeitraum. Allerdings hätte ich mir vorher kaum vorstellen können, einmal so lange ohne Zigaretten auskommen zu können. Und ich bin ziemlich optimistisch, dass dies so bleibt.

Update: Heute ist Donnerstag, der 2. Februar 2017. Ich bin nach wie vor Nichtraucher. Obwohl ich zugeben muss, einmal zu später Stunde an einer Zigarette gezogen zu haben. Sie schmeckte widerlich. Und das ist gut so.

Matthias Süßen Verfasst von:

Matthias Süßen arbeitet als freier Journalist, Blogger und Trainer. Er berät Medienunternehmen und wissenschaftliche Institutionen im Bereich Social Media, Mobile Reporting, Online- und Videojournalismus. Hier bloggt er zu seinen persönlichen Interessengebieten Fotografie, Reisen, Wissenschaft und Technik, Online-Journalismus sowie zu Themen der Lokalgeschichte Ostfrieslands.

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