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Eine „Reise in das jüdische Ostfriesland“

Als Kind habe ich mich oft gefragt, was es mit dem kleinen Friedhof an der Emder Straße in Aurich auf sich hat. Das kleine, baumbestande Areal liegt wie eine terra incognita in der ostfriesischen Kreisstadt. Hohe Hecken verwehren den Einblick und der einzige Zugang ist stets verschlossen. Später erfahre ich, dass es ein jüdischer Friedhof ist. Ich wundere mich, dass sonst keine Spuren jüdischen Lebens sichtbar sind und beginne, mich mit dem Thema zu befassen und verfasse eine Reihe von Artikeln zu den ehemaligen Gemeinden sowie zur Geschichte der Juden in Ostfriesland. Es ist eine lange Geschichte an deren Ende die systematische Vernichtung der Juden und ihrer Kultur steht. Einen vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung markieren die Novemberpogrome 1938. Am 9. November 2013 jähren sie sich zum 75. Mal. Dies haben 17 Einrichtungen, davon neun Museen und fast alle ehemaligen Synagogengemeinden zum Anlass genommen, sich unter dem Titel „Reise ins jüdische Ostfriesland“ zusammenzuschließen. Dazu erscheint nun auch eine Broschüre, an der ich mitgearbeitet habe.

In Ostfriesland gab es insgesamt 11 Gemeinden sowie die Außenstelle der Synagogengemeinde Norden auf Norderney. Bild: Orangeowl aus der deutschsprachigen Wikipedia. Lizenz:  [], von Wikimedia Commons
In Ostfriesland gab es insgesamt 11 Gemeinden sowie die Außenstelle der Synagogengemeinde Norden auf Norderney. Bild: Orangeowl aus der deutschsprachigen Wikipedia. Lizenz: [CC-BY-SA-3.0], von Wikimedia Commons

Die ersten Juden kommen wohl im Verlauf des 16. Jahrhunderts nach Ostfriesland. Bis 1900 wächst ihre Zahl auf gut 2.700  Einwohner. Sie verteilen sich auf elf Gemeinden mit insgesamt zwölf Synagogen und stellen etwa 1,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die allermeisten leben in bescheidenen Verhältnissen mehr oder weniger integriert in den Städten und Dörfern. Man liebt sich nicht, aber akzeptiert einander weitgehend. Antisemitische Hetzte kommt vor, bleibt aber bis in die dreißiger Jahre selten. Einige wenige Juden haben es sogar geschafft, in die Stadträte gewählt zu werden oder sind Mitglieder in den örtlichen Vereinen.

Mit dem friedlichen Nebeneinander ist es nach der so genannten Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 vorbei. Boykott-Aktionen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Repressionen und die Stigmatisierung durch die Nürnberger Gesetze erschweren das jüdische Leben immer mehr. Das veranlasst vor allem politisch verfolgte und jüngere Juden zur Auswanderung. Die meisten bleiben jedoch trotz Verfolgung, Ausgrenzung und antijüdischer Propaganda.

Die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 markiert den Höhepunkt der Hetzjagd auf jüdischen Menschen in Deutschland vor dem Holocaust. In dieser Nacht brennen auch in ganz Ostfriesland die Synagogen, werden Juden verfolgt, ausgegrenzt und gedemütigt. Besonders wild tobt der Mob in Emden. Überall im Stadtgebiet fallen Schüsse. Sie verletzten mehrere jüdische Bürger, von denen einer, der Schlachter Daniel de Beer, wenig später seinen Verwundungen erliegt.

Die Synagoge Dornum blieb in der Pogromnacht unbeschädigt. Sie beherrbergt heute ein sehenswertes Museum.
Die Synagoge Dornum blieb in der Pogromnacht unbeschädigt. Sie beherbergt heute ein sehenswertes Museum.

Die Bilanz der Pogrome ist verheerend. Nahezu alle Synagogen sind zerstört (lediglich die bereits zuvor verkauften Gotteshäuser von Norderney, Dornum und Neustadtgödens bleiben nahezu unbeschädigt). Dazu beschlagnahmen die Häscher Sachwerte von über 300.000 RM und entwenden Bargeld in einer Summe von über 82.000 RM. In ganz Ostfriesland treiben die Nationalsozialisten gemeinsam mit ihren Helfershelfern noch in der Nacht die Juden zusammen. Knapp 250 Männer aus den ostfriesischen Städten und Landgemeinden werden anschließend in Oldenburg kaserniert und von dort mit den verhafteten Männern aus den Bereichen Wilhelmshaven, Oldenburg und Bremen  in das KZ Sachsenhausen deportiert. Dort bleiben sie bis  Dezember 1938 oder Anfang 1939 inhaftiert, ehe sie nach und nach freikommen.  Ein jüdisches Leben gibt es in ihrer Heimat zu diesem Zeitpunkt de facto nicht mehr, denn nach den Zerstörungen war den jüdischen Vereinen und Religionsgemeinschaften der Zugang zu ihren Gebäuden untersagt; zahlreiches Inventar und Akten sind beschlagnahmt oder zerstört worden. Verwüstungen, fehlende Räumlichkeiten, Auswanderung der Mitglieder und polizeiliche Beschränkungen führen schließlich Ende 1938 zur Auflösung vieler jüdischer Vereine.

Doch damit sind die Repressalien längst nicht beendet. Im November/Dezember 1939 drängen der Emder Oberbürgermeister Renken sowie sein Leeraner Amtskollege Erich Drescher den Regierungspräsidenten in Aurich, Lothar Eickhoff, zu weiteren Schritten gegen die Juden.  Das führt schließlich zu einer Anordnung der Gestapo-Leitstelle, wonach die dass die Juden Ostfriesland aus militärischen Gründen bis zum 1. April 1940 verlassen und sich andere Wohnungen innerhalb des deutschen Reiches (mit Ausnahme Hamburgs und der linksrheinischen Gebiete) suchen sollten. Ausgenommen davon sind lediglich Personen mit einem Alter von über 70 Jahren. Doch auch sie werden im Verlaufe des Jahres 1941 deportiert. In den folgenden Jahren ermorden die Nationalsozialisten etwa 1000 – und damit etwa die Hälfte der noch 1925 in der Region ansässigen – Juden aus Ostfriesland in den Vernichtungslagern.

Heute leben kaum noch Menschen jüdischen Glaubens in Ostfriesland, die Religion wird daher nicht öffentlich praktiziert. Die wenigen ostfriesischen Juden sind Teil der jüdischen Gemeinde in Oldenburg. In den ehemaligen ostfriesischen Synagogengemeinden bildeten sich vor allem Ende der 80-er Jahre Arbeitskreise, die das Geschehene aufarbeiteten und Überlebende einluden. Denkmäler wurden errichtet und die jüdischen Friedhöfe instand gesetzt. Häufig sind sie die einzigen noch sichtbaren Zeugen für jüdisches Leben und jüdische Kultur in unserem ländlichen Raum.

Der jüdische Friedhof in Smarlingen (Weener).
Der jüdische Friedhof in Smarlingen (Weener).

Im Zuge meiner Recherchen für die Wikipedia-Artikel habe ich sie alle besucht und fotografiert. Nicht immer war es leicht, sie zu betreten. So ist der Zugang in Aurich und Emden erst möglich, nachdem man sich einen Schlüssel besorgt hat. Zu groß scheint die Angst vor Vandalismus.

Gut, dass die einstmals sehr lebendige Geschichte der Juden in Ostfriesland nun wieder iin den Blickpunkt des Interesses gerückt wird. Die „Reise ins jüdische Ostfriesland“ ist ein großes gemeinsames Projekt im Rahmen des dritten kulturtouristischen Themenjahres „Land der Entdeckungen 2013“. Insgesamt 17 Projektpartner beteiligen sich daran. Sie organisieren Kunstschauen, Ausstellungen, Theaterinszenierungen, Konzerte und Führungen. 

Begleitend dazu hat die Ostfriesische Landschaft nun eine Broschüre herausgegeben, zu der ich meinen bescheidenen Beitrag geleistet habe: Viele der Bilder von den jüdischen Friedhöfen habe ich geschossen. Abgesehen davon ist das kleine Heftlein sehr lesenswert. Es hat den Anspruch, „dem vielfältigen jüdischen Leben in Ostfriesland bis zur Shoah und darüber hinaus wieder ein Gesicht zu geben“, lädt zu Spaziergängen auf den Spuren der ehemaligen Mitbürger ein und liefert Informationen zu jüdischer Kultur und Alltagsleben. Zu beziehen ist es bei der

Ostfriesische Landschaft – Kulturagentur
Georgswall 1-5
26603 Aurich
Telefon: 04941 / 17 99 – 57
E-Mail: kultur[at]ostfriesischelandschaft.de

Eine Übersicht sämtlicher im Rahmen des Projektes „Reise ins jüdische Ostfriesland“ geplanten Veranstaltungen ist im Internet auf den Seiten der Ostfriesland Tourismus GmbH erhältlich.

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