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In der Stadt des Lächelns

Kris Cheng hat sein Lachen noch nicht verloren. Obwohl er seit mehr als sechs Stunden alle Hände voll zu tun hat. Aus allen Richtungen strömen Wikipedianer herbei, um sich bei ihm die Schlüssel für ihre Zimmer im Baptist University dorm (BUd) abzuholen, in dem wir in den kommenden Tagen untergebracht sind.

Kris Cheng ist auch nach stundenlanger Arbeit immer noch gut gelaunt.
Kris Cheng ist auch nach stundenlanger Arbeit immer noch gut gelaunt.

Es ist ein erstaunlicher Mikrokosmos, der für die Wikimania 2013 zusammengekommen ist. Und nach wie vor reißt der Strom der Wikipedianer nicht ab. Nicht weniger als 90 Nationen sind vertreten und machen das eh schon extrem internationale Hongkong zu einer ‚Welt im Kleinen‘. Einem Mikrokosmos mit nahezu babylonischem Sprachgewirr, der aber erstaunlich gut funktioniert. Dazu tragen unsere Gastgeber maßgeblich bei. Die Organisatoren der Wikimania sind sehr freundlich und haben immer ein offenes Ohr für alle möglichen Belange der Angereisten.  Auch die vielen Freiwilligen lächeln viel und wirken  sehr gelassen. Wohl zu recht: Alles wirkt wohldurchdacht und gut organisiert, so dass es Kris und seinem Team bisher gut gelingt, Ordnung in das Chaos zu bringen, das wohl immer dann entsteht, wenn Menschen aus der ganzen Welt zusammenströmen.

Viele von ihnen sind wie ich im BUd untergebracht.  Ich hatte vorher keine Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Niemals hätte ich daran gedacht, noch einmal in meinem Leben in einem Studentenwohnheim zu landen.  Nun genieße ich es. Wohl auch, weil ich weiß, das es eine Wohngemeinschaft auf Zeit ist. Ich teile mir mein Zimmer mit Pouyan, einem Iraner; Bad und WC zudem mit dem Franzosen Sebastien und dem Spanier Hugo.

Schon als ich mein Zimmer betrete werde ich von Pouyan sehr freundlich begrüßt. Das gemeinsame Interesse an Wikipedia verbindet uns und lässt Barrieren erst gar nicht entstehen. Schnell sind wir in ein Gespräch über unser Hobby verwickelt. Kurz darauf trifft Sebastien ein. Obwohl er nach einem unglaublich langen Flug total geschafft ist, eigentlich nur noch duschen und ins Bett will, setzt auch er sich zu uns. Hugo kommt als letzter an. Danach entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, so dass wir gar nicht merken, wie schnell die Zeit vergeht.

Auf kulinarischer Exkursion in Kowloon City.
Auf kulinarischer Exkursion in Kowloon City.

Der Hunger treibt uns schließlich doch wieder auf die Straße. Es ist bereits spät, so dass es schwierig werden könnte, ein Restaurant zu finden, das noch geöffnet hat. Als wir vor unserer Unterkunft stehen, lernen wir den Italiener Andrea kennen. Ein Glücksfall, denn er ist ebenfalls sehr hungrig und hat seine Freundin Cherry im Schlepptau hat. Sie ist chinesischstämmige Hongkongerin und nimmt uns mit nach Kowloon City, deinem extrem dicht besiedelten Stadtteil Hongkongs, der von einer Mauer umgeben ist. Es ist das kantonesische Herz der Stadt. Cherry kennt sich dort gut aus. Zielsicher steuert sie mit uns ein kleines Restaurant aus. Dort hängen Bilder von frittierten Hühnerfüßen, Fröschen und Schweineblutkuchen an der Wand. Nachdem wir Platz genommen haben fragt sie uns, was wir essen mögen. Wir beschließen trotz der abschreckenden Fotos einstimmig, es ihr zu überlassen. Kurz darauf stehen fünf verschiedene Gerichte auf dem Tisch. Zum Glück sind keine der auf den Bildern angepriesenen darunter, sondern sehr leckere Rippchen, Schweinefleisch, Huhn, gebratenes Gemüse und Tofu. Dazu gibt es gedämpften Reis und von Cherry noch eine Einführung in die Geschichte von Kowloon City und das Leben in diesem quirligen Stadtteil, in dessen Zentrum sich die Kowloon Walled City befindet. Cherry berichtet, dass diese für lange Zeit eine chinesische Exklave in der britischen Kronkolonie Hongkong war. Da aber weder China noch Großbritannien großes Interesse an dem Gebiet hatten, entwickelte es sich zu einer rechtsfreien Zone, in der die Triaden das Sagen hatten. Gleichzeitig zogen immer mehr Menschen in das Gebiet, da keine Steuern eingetrieben wurden und die Mieten niedrig waren. So wie die Walled City bald die höchste Bevölkerungsdichte der Welt aufwies.  Die Zustände müssen unzumutbar gewesen sein. Das Quartier war ein Brennpunkt der organisierten Kriminalität, in den sich die Polizei nur in Extremfällen und nur in größeren Gruppen wagte. Dies änderte sich erst Mitte der 1970er-Jahre. Damals entschloss sich die Regierung Hongkongs, endlich durchzugreifen. In der Folge ließ sie tausende Razzien durchführen, um so die Macht der Triaden zu schwächen. Im Jahre 1983 erklärte der Polizeichef von Kowloon schließlich, dass die Kriminalität nun unter Kontrolle sei. Die hygienischen Zustände blieben aber katastrophal, so dass man 1987 beschloss, das Viertel niederzureißen. Auf dem Areal entstand anschließend ein Park, der Ende 1995 eröffnet wurde. In ihm befindet sich auch ein Museum zur Geschichte der Walled City, dass ich mir leider nicht mehr anschauen kann, obwohl ich nach Cherrys sehr lebhaft geführten Vortrag wirlich Lust darauf hätte.

Die Wikipedianer kommen
Die Wikipedianer kommen

Nach diesem tollen Dinner bringt uns ein Taxi zurück in das BUd. Dort sind während unserer Abwesenheit viele weitere Wikipedianer eingetroffen. Unversehens finde ich mich inmitten einer fröhlichen Runde wieder, zu der sich Mitstreiter aus Botswana, Taiwan, Burma, Weißrussland und Venezuela zusammengefunden haben. Wie überall werde ich schnell in die Runde aufgenommen, die damit beschäftigt ist, Anekdoten aus ihren Heimatländern zu erzählen. So etwa Francisco aus Venezuela, der davon berichtet, dass das Benzin dort so billig ist, dass sich die Menschen damit die Hände waschen. Auch die anderen steuern lustige Geschichten bei.  Leider sind es so viele, dass ich mich nicht mehr an alle erinnere. Unnötig zu erwähnen, dass auch in dieser Runde mal wieder jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren geht.

Es ist Kris, der uns schließlich daran erinnert, dass es schon zwei Uhr ist. Er ist ziemlich müde, möchte sich aber trotzdem unbedingt von uns verabschieden. Er tut es mit einem Lächeln und sieht dabei fertig, aber auch sehr glücklich aus. Anschließend verschlägt es auch uns ins Bett. Schließlich haben wir noch anstrengende Tage vor uns. Doch davon berichte ich morgen.

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